Teilen
Das Wichtigste in Kürze
- Zahnprobleme beim Pferd entwickeln sich oft schleichend und werden zu spät erkannt.
- Die Warnsignale reichen von verändertem Fressverhalten bis hin zu Rittigkeitsproblemen.
- Eine jährliche Zahnkontrolle beim Tierarzt oder Dentalpraktiker ist für jedes Pferd empfehlenswert.
- Unterstützende Maßnahmen wie eine entzündungshemmende Ergänzungsfütterung können den Heilungsprozess begleiten.
Warum Pferdezähne so besonders sind
Pferde haben hypsodonte Zähne, das sind Zähne mit sehr langen Zahnkronen, die sich über das gesamte Leben des Tieres hinweg langsam aus dem Kiefer schieben und dabei abgerieben werden. In der Natur kauen Pferde bis zu 16 Stunden täglich auf hartem, faserigem Gras, was für einen gleichmäßigen Abrieb sorgt [2]. In der modernen Pferdehaltung mit Kraftfutter, gehäckseltem Heu und wenig freiem Weidegang fehlt diese natürliche Abnutzung häufig, und ungleichmäßige Abriebmuster entstehen leichter als viele denken.
Ein ausgewachsenes Pferd hat zwischen 36 und 44 Zähne, abhängig vom Geschlecht und davon, ob sogenannte Wolfszähne vorhanden sind [3]. Diese kleinen rudimentären Backenzähne ohne Kaufunktion können bei Trensenreitern Probleme verursachen und werden in solchen Fällen routinemäßig entfernt. Dass das Thema Zahngesundheit beim Pferd lange unterschätzt wurde, hat sich inzwischen geändert: Kaum ein Bereich der Pferdemedizin hat in den vergangenen Jahrzehnten so viel Entwicklung erfahren wie die equine Zahnmedizin [4].
Die 7 wichtigsten Warnsignale für Zahnprobleme beim Pferd
#1. Verändertes Fressverhalten und Gewichtsverlust
Eines der ersten Anzeichen ist ein veränderter Rhythmus beim Fressen. Das Pferd frisst langsamer, zögert beim Anfressen, wählt bestimmte Futterkomponenten aus oder verweigert die Aufnahme gänzlich. Manchmal beobachtet man das Gegenteil: Ein Pferd frisst hastig und ungenau, weil es Schmerzen beim Kauen vermeiden möchte [5].
Wenn die Nahrung nicht mehr richtig zermahlen wird, kann sie der Körper schlechter verwerten. Die Folge ist Gewichtsverlust trotz scheinbar ausreichender Fütterung, ein klassischer Hinweis darauf, dass im Maul etwas nicht stimmt [1].
Praxis-Tipp: Schau beim Fressen bewusst hin. Wie lange braucht dein Pferd für eine bestimmte Heumenge? Hat sich das in letzter Zeit verändert?
#2. Heuwickel und Futterklumpen auf dem Boden
Sogenannte Heuwickel oder Quidding gelten als eines der klassischsten Symptome für Zahnprobleme beim Pferd. Dabei formen sich zigarrenförmige Klumpen aus Heu oder Gras in den Wangentaschen und fallen dem Pferd schließlich aus dem Maul, weil es das Material nicht richtig zermahlen kann [5]. Gleichzeitig können unverdaute Futterpartikel im Kot, also erkennbar ganze Körner oder Grasstücke, darauf hinweisen, dass das Futter nicht ausreichend aufgeschlossen wurde [1].
#3. Maulgeruch und einseitiger Nasenausfluss
Unangenehmer Geruch aus dem Maul entsteht häufig durch Futterfäulnis in Zahnzwischenräumen, durch Zahnfleischentzündungen oder durch Abszesse im Zahnbereich [3]. Ein besonders deutliches Zeichen ist einseitiger, eitrig riechender Nasenausfluss, der auf eine Sinusitis infolge eines entzündeten Backenzahns hindeuten kann. Da die Wurzeln der oberen Backenzähne anatomisch eng an den Kieferhöhlen liegen, können Zahnentzündungen dort Entzündungen auslösen, die sich durch Nasenausfluss nach außen bemerkbar machen [6].
#4. Übermäßiges Speicheln und Schmatzgeräusche
Wenn ein Pferd beim Fressen ungewöhnlich viel sabbert oder auffällige Kaugeräusche macht, ist das kein gutes Zeichen. Übermäßige Speichelproduktion und das sogenannte Schmatzen deuten auf Schmerzen oder Unbehagen im Maulbereich hin [5]. Viele Besitzer gewöhnen sich an solche Kleinigkeiten und bemerken erst im Nachhinein, dass das Pferd schon länger damit zu kämpfen hatte.
#5. Verminderte Wasseraufnahme
Ein oft unterschätztes Warnsignal ist das Meiden von Wasser. Wenn Zähne oder Zahnfleisch schmerzhaft empfindlich sind, kann schon kaltes Wasser unangenehm sein, weshalb manche Pferde deutlich weniger trinken als sonst [5]. Anhaltende Dehydration ist für Pferde besonders riskant, da sie Kolik begünstigen kann. Wer bemerkt, dass sein Pferd seltener zur Tränke geht, sollte das ernst nehmen.
#6. Rittigkeitsprobleme und Abwehrverhalten
Zahnprobleme beim Pferd äußern sich nicht nur beim Fressen, sondern auch unter dem Sattel. Schmerzen im Maul können dazu führen, dass das Pferd das Fressen verweigert, aber auch den Kopf wirft, beim Trensen abwehrt, sich im Genick verwirft oder sich gegen den Zügel sperrt [5]. In manchen Fällen werden Pferde sogar unvermittelt bockig oder steigen. Weil solche Verhaltensänderungen auf viele Ursachen zurückgehen können, wird ein Zahnproblem im Zusammenhang mit Rittigkeitsstörungen häufig zu spät in Betracht gezogen [1].
Praxis-Tipp: Wenn dein Pferd sich plötzlich anders verhält als gewohnt und körperliche Ursachen bisher nicht gefunden wurden, lohnt sich ein gezielter Blick auf den Zahnstatus.
#7. Schwellungen am Kiefer und Zahnfleischveränderungen
Sichtbare Veränderungen am Kiefer, etwa knotige Auftreibungen oder Schwellungen, können auf Abszesse, Frakturen oder auf Probleme beim Zahndurchbruch hinweisen [7]. Gerötetes, geschwollenes oder blutiges Zahnfleisch sowie Berührungsempfindlichkeit im Gesichtsbereich sind weitere Alarmsignale. Besonders bei älteren Pferden ist in diesem Zusammenhang eine Erkrankung relevant, die in der Wissenschaft zunehmend Beachtung findet.
EOTRH: Eine unterschätzte Zahnerkrankung älterer Pferde
Die Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis, kurz EOTRH, ist eine fortschreitende, schmerzhafte Zahnerkrankung, bei der die Zahnsubstanz vor allem an Schneide- und Hengstzähnen von innen heraus abgebaut wird. Gleichzeitig bildet sich übermäßig viel Zahnzement, der sich als Auftreibung am Zahnhals zeigen kann [8]. Da diese Prozesse zunächst unsichtbar unter dem Zahnfleisch ablaufen, wird EOTRH oft erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt und geht dann mit erheblichem Leidensdruck einher.
Eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover und der Justus-Liebig-Universität Gießen untersuchte histologische Befunde an Schneidezähnen von 20 Pferden und bestätigte, dass EOTRH und verwandte Läsionen häufig erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert werden [9]. Die frühzeitige Röntgenkontrolle der Schneidezähne bei älteren Pferden ist deshalb besonders wichtig.
Was tun, wenn du ein Warnsignal erkennst?
Wer eines der beschriebenen Symptome beobachtet, sollte zeitnah eine tierärztliche Untersuchung veranlassen. Die Zahnkontrolle beim Pferd erfolgt heutzutage in der Regel am sedierten Tier mit Maulsperre und geeigneter Lichtquelle, damit auch die hinteren Backenzähne vollständig eingesehen werden können [3]. Für Pferde ohne bekannte Probleme gilt als Faustregel eine jährliche Kontrolle, für ältere Pferde oder Tiere mit bekannten Zahnproblemen empfehlen sich halbjährliche bis neunmonatliche Abstände [2].
Kann Zistrose bei Zahnproblemen beim Pferd unterstützend helfen?
Zähne direkt behandeln kann die Zistrose nicht, das bleibt Aufgabe des Tierarztes. Was die Pflanze jedoch leisten kann, ist eine Unterstützung auf Ebene des Immunsystems und der Schleimhäute: Die graubehaarte Zistrose (Cistus incanus) enthält eine außergewöhnlich hohe Konzentration an Polyphenolen, insbesondere Ellagitannine und Flavonoide wie Proanthocyanidine mit starker antioxidativer Wirkung [10].
Für den Mundbereich ist das durchaus relevant, denn die Mundschleimhaut ist, wie jede Schleimhaut des Körpers, ein wichtiger Teil des körpereigenen Abwehrsystems. In wissenschaftlichen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Cistus-Extrakte die Mundschleimhaut in Belastungssituationen unterstützen können, auch im Zusammenhang mit parodontalen Erkrankungen wie Parodontitis, bei denen die Schleimhaut des Zahnhalteapparates besonders beansprucht wird. Eine klinische Doppelblindstudie an der Universität Neapel bestätigte nach dreimonatiger Anwendung von Zistrosenextrakten eine messbare Verbesserung der Mundgesundheit [11].
Ob und in welchem Umfang die beim Menschen untersuchten Effekte auf Pferde übertragbar sind, wurde bisher nicht in großen kontrollierten Studien geprüft. Zistrose kann jedoch als begleitende Unterstützung betrachtet werden, wenn es darum geht, das Immunsystem und die Schleimhäute im Maulbereich zu unterstützen.
Wichtig: Eine Zistrose-Ergänzung ersetzt keine tierärztliche Zahnbehandlung. Sie kann lediglich begleitend eingesetzt werden, um die körpereigene Abwehr zu unterstützen.
Fazit: Früh hinschauen zahlt sich aus
Zahnprobleme beim Pferd entwickeln sich oft über Monate, bevor sie wirklich auffällig werden. Wer die sieben Warnsignale kennt und sein Pferd regelmäßig genau beobachtet, hat beste Chancen, ein Problem früh zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern. Die wichtigste Maßnahme bleibt dabei die regelmäßige Zahnkontrolle durch einen erfahrenen Tierarzt oder Equine-Dentalpraktiker, ergänzt durch eine ausgewogene Fütterung mit ausreichend Raufutter und Möglichkeiten zur natürlichen Kauaktivität.
Schon kleine Veränderungen im Verhalten deines Pferdes können große Hinweise geben. Vertrau deiner Beobachtung und zögere nicht, bei Verdacht Hilfe zu holen.