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Das Wichtigste in Kürze
- Raufutter lässt Pferde deutlich mehr kauen als Kraftfutter und sorgt so für natürlichen Zahnabrieb.
- Zu wenig Raufutter begünstigt die Entstehung von Zahnhaken, scharfen Kanten und einem ungleichmäßigen Gebiss.
- Intensives Kauen produziert außerdem Speichel, der nicht nur bei der Verdauung hilft, sondern auch das Mundmilieu gesund hält.
- Kraftfutter ersetzt Raufutter nicht, sondern ergänzt es allenfalls in kleinen Mengen.
- Begleitend kann Zistrose (Cistus incanus) die Schleimhäute im Mundraum unterstützen.
Wie Pferdezähne funktionieren: das Prinzip von Abrieb und Nachschub
Um zu verstehen, warum die Fütterung so einen großen Einfluss auf die Zahngesundheit hat, lohnt ein Blick auf die Anatomie. Anders als beim Menschen haben Pferde sogenannte Hypsodont-Zähne. Das sind extrem lange Zahnkronen, die tief im Kieferknochen verankert sind und sich über das gesamte Leben des Tieres hinweg langsam aus dem Kiefer schieben, während sie an der Oberfläche durch das Kauen abgerieben werden [1]. Im Normalfall schieben sich die Zähne dabei um etwa zwei bis vier Millimeter vor, idealerweise genau so viel, wie durch die Kautätigkeit abgerieben wird [2].
Dieses sensible Gleichgewicht aus Nachschub und Abrieb funktioniert jedoch nur, wenn das Pferd ausreichend kaut. Und wie viel es kaut, hängt direkt davon ab, was im Futtertrog liegt.
Wie viel kauen Pferde bei Raufutter im Vergleich zu Kraftfutter?
Der Unterschied in der Kauintensität ist beträchtlich. Beim Fressen von einem Kilogramm Heu führt ein Pferd etwa 3.000 bis 3.500 Kauschläge aus, während es für ein Kilogramm Kraftfutter wie Hafer nur rund 750 bis 1.200 Kauschläge benötigt [3]. Auch die Fresszeit unterscheidet sich deutlich: Für ein Kilo Heu braucht das Pferd 40 bis 50 Minuten, für ein Kilo Kraftfutter hingegen nur 10 bis 15 Minuten [4].
Diese Unterschiede haben direkte Konsequenzen für das Gebiss. Wildpferde grasen in der Steppe etwa 16 Stunden täglich und führen dabei rund 40.000 Kaubewegungen aus. Ihre Zähne werden durch silikotreiches, hartes Gras gleichmäßig und vollflächig beansprucht [5]. Stallpferde, die vorwiegend weiches Heu, Silage oder Kraftfutter erhalten, kauen nicht nur insgesamt weniger, sondern auch weniger kraftvoll und mit kleinerem Kauausschlag.
Merke: Ein Pferd kaut bis zu 35.000 Mal, wenn es täglich zehn Stunden Heu frisst. Eines, das hauptsächlich Kraftfutter bekommt, kommt bei gleicher Fressdauer nur auf einen Bruchteil davon.
Wie mangelndes Kauen das Gebiss schädigt
Zahnhaken und scharfe Kanten
Die Backenzähne von Ober- und Unterkiefer sind beim Pferd leicht versetzt angeordnet: Der Oberkiefer ist etwas breiter als der Unterkiefer. Bei der natürlichen, kreisförmigen Kaubewegung mahlen die Backenzähne deshalb in einer weiten, seitlichen Bewegung aneinander entlang und nutzen dabei die gesamte Kaufläche gleichmäßig ab [6].
Wenn ein Pferd überwiegend faserarmes Futter frisst, bewegt es den Kiefer beim Kauen weniger stark zur Seite. Dadurch werden die Zähne nicht mehr gleichmäßig abgenutzt: Manche Stellen bleiben ungenutzt und werden zu wenig abgeschliffen. So entstehen zunächst unebene Stellen, später scharfe Kanten oder Zahnhaken an den Backenzähnen im Ober- und Unterkiefer [6].
Hat sich ein Haken gebildet, verschlechtert sich das Problem zunehmend. Kauen wird schwieriger, die Zähne nutzen sich kaum noch ab, und Fehlstellungen können sich weiter ausprägen [7].
Zahnstein und Karies
Langfaseriges Raufutter wirkt durch seine Struktur wie eine natürliche Zahnbürste: Beim Kauen werden Beläge von den Zähnen entfernt und Zahnsteinbildung vorgebeugt [8]. Klebrige Kraftfuttermittel wie melassehaltige Produkte, Pellets oder Leckerlis können dagegen Rückstände auf den Kauflächen hinterlassen, die das Wachstum von Kariesbakterien begünstigen [9].
Speichel: der unterschätzte Schutzfaktor für Zähne und Verdauung
Intensives Kauen regt die Speichelproduktion stark an. Bei ausreichender Versorgung mit Raufutter und einer täglichen Fresszeit von mindestens 14 Stunden produziert ein Pferd etwa 40 bis 60 Liter Speichel [10]. Beim Kauen von einem Kilogramm Heu entstehen etwa 4,5 bis 5 Liter Speichel. Bei gleichem Gewicht Kraftfutter ist es nur etwa ein Fünftel bis ein Sechstel davon [11].
Der Speichel ist reich an Bicarbonaten, die die Magensäure abpuffern und so Magengeschwüren vorbeugen. Im Maul wirkt er wie eine natürliche Spülflüssigkeit: Er hält Schleimhäute feucht, hemmt die Ausbreitung schädlicher Bakterien und unterstützt die Selbstreinigungsfähigkeit des Mundraums. Weniger Kauen bedeutet weniger Speichel, und das belastet sowohl den Magen als auch das Mundmilieu [10].
Raufutter und Zahngesundheit beim Pferd: 4 praktische Maßnahmen
1. Raufutter als Grundlage, nicht als Zugabe
Heu sollte nicht als Beilage zum Kraftfutter betrachtet werden, sondern als dessen Grundlage. Die Faustregel lautet: mindestens 1,5 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht täglich. Für ein 500 kg schweres Pferd sind das mindestens 7,5 kg [12]. Lange Fresspausen von mehr als vier Stunden sollten vermieden werden, da der Magen kontinuierlich Säure produziert und diese ohne puffernden Futterbrei die Schleimhäute angreift [12].
2. Strukturreiches, langfaseriges Heu bevorzugen
Raufutter ist nicht gleich Raufutter. Trockenes, langfaseriges Heu mit erkennbarer Stängelstruktur fordert die Kauarbeit deutlich mehr als feines, weiches Heu oder Heulage. Trockenes Raufutter trägt zu einer gleichmäßigeren Zahnabnutzung bei als angefeuchtetes oder eingeweichtes, sofern das Pferd es gut fressen kann [13].
Praxis-Tipp: Heunetze mit kleinen Löchern verlangsamen die Futteraufnahme, verlängern die Fresszeit und erhöhen die Gesamtkauarbeit, ohne dass die Heumenge erhöht werden muss.
3. Kraftfutter reduzieren und aufteilen
Kraftfutter ist für viele Arbeitspferde notwendig, sollte aber auf das tatsächlich erforderliche Maß begrenzt werden. Wer größere Kraftfuttermengen nicht vermeiden kann, verteilt diese am besten auf mehrere kleine Portionen am Tag. Zusätzlich empfiehlt es sich, vor jeder Kraftfuttergabe zunächst etwas Heu anzubieten, damit die Speichelproduktion bereits angeregt ist und die Backenzähne in Schwung gebracht wurden [11].
4. Süße und klebrige Leckerlis meiden
Melassehaltige Pellets, trockene Brotstücke und süße Leckerlis hinterlassen hartnäckige Rückstände auf den Kauflächen. Möhren oder Äpfel sind als Belohnung deutlich besser geeignet [9].
Pferde mit Zahnproblemen richtig füttern
Bei Pferden, die bereits unter Zahnproblemen leiden, muss die Fütterung angepasst werden. Wenn ein Pferd nicht mehr ausreichend kauen kann, nimmt es weniger Raufutter auf und verliert häufig an Gewicht. In solchen Fällen empfiehlt sich der Umstieg auf feines Heu oder gut eingeweichte Heucobs, die weniger Kauaufwand erfordern, aber weiterhin Rohfaser liefern [1, 13]. Eine Umstellung auf reine Kraftfuttergaben wäre kontraproduktiv, da sie das Kauproblem langfristig verschlimmert.
Wichtig: Auch bei Pferden mit Zahnproblemen bleibt Raufutter die Basis, angepasst an die jeweilige Kaufähigkeit.
Kann Zistrose die Mundgesundheit beim Pferd unterstützen?
Raufutter und regelmäßige Zahnkontrolle bilden die Grundlage. Wer darüber hinaus etwas für die Mundschleimhäute seines Pferdes tun möchte, kann begleitend Zistrose (Cistus incanus) in Betracht ziehen.
Die graubehaarte Zistrose enthält sehr hohe Konzentrationen an Polyphenolen, darunter Ellagitannine, Proanthocyanidine und Flavonoide, denen in wissenschaftlichen Untersuchungen antimikrobielle und entzündungshemmende Eigenschaften nachgewiesen wurden [14]. Eine klinische Doppelblindstudie der Universität Neapel zeigte, dass die dreimonatige Anwendung von Zistrosenextrakt beim Menschen die Mundgesundheit messbar verbesserte, unter anderem durch die Reduktion von Bakterien, die Parodontitis fördern können [15].
Ob diese Wirkung in vergleichbarer Weise auch beim Pferd eintritt, wurde bislang nicht in großen kontrollierten Studien untersucht. Die antimikrobiellen und entzündungshemmenden Eigenschaften machen Zistrose jedoch grundsätzlich zu einem sinnvollen Begleiter, wenn Schleimhäute im Mundbereich Unterstützung brauchen, etwa nach einer Zahnbehandlung oder bei leichten Entzündungen.
Wichtig: Zistrose ist kein Ersatz für eine zahnärztliche Behandlung oder für ausreichende Raufuttergaben. Sie kann lediglich ergänzend eingesetzt werden.
Fazit: Die Heuraufe ist der erste Zahnarzt
Wer die Zahngesundheit seines Pferdes langfristig erhalten will, muss nicht nur an die jährliche Zahnarztvisite denken. Der wichtigste Schritt liegt im Stall, genauer: in der Heuraufe. Ausreichend langfaseriges, strukturreiches Raufutter hält das Gebiss in Bewegung, sorgt für den nötigen Abrieb, produziert Speichel und schützt vor der Entstehung von Haken, Kanten und anderen Fehlstellungen, die fast immer mit mangelnder Kauarbeit beginnen.