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Das Wichtigste in Kürze
- Wir haben fünf bekannte Pferde-Mythen anhand aktueller Studien überprüft.
- Einige weit verbreitete Stallregeln sind wissenschaftlich widerlegt.
- Andere enthalten einen wahren Kern, werden aber oft falsch erklärt oder ausgelegt.
- Entscheidend ist meist nicht die Faustregel, die man zu kennen meint, sondern das einzelne Pferd.
Mythos 1: „Zucker macht Pferde wild“
Kaum ein Fütterungsmythos hält sich so hartnäckig: Zucker und Kraftfutter machen Pferde angeblich „hibbelig“ und unberechenbar. Das kennt man ja auch von Kindern. Zu viel Süßes, und die Kleinen drehen durch. Nur: Bei Kindern gilt genau das mittlerweile als widerlegt [3]. Der vermeintliche Zuckerschock war größtenteils Beobachtungsverzerrung. Eltern sahen ihre Kinder auf einer Geburtstagsfeier voller Aufregung und Kuchen, und der Zucker bekam die Schuld. Ist der Pferde-Mythos also genauso ein Ammenmärchen?
Überraschend: nein. Nur der Grund ist ein anderer, als man denkt. Pferde sind keine Menschen mit vier Beinen, sondern Hinterdarm-Fermentierer, deren Verdauungssystem auf Fasern ausgelegt ist, nicht auf Stärke. Zu viel Stärke auf einmal überfordert den Dünndarm. Ein Teil rutscht unverdaut in den Dickdarm und wird dort schlagartig fermentiert. Die Darmflora kippt: weniger faserabbauende Bakterien, mehr Milchsäurebildner wie Streptococcus. Und der Darm redet bekanntlich mit dem Gehirn. Über die Darm-Hirn-Achse können solche mikrobiellen Verschiebungen offenbar auch das Verhalten beeinflussen. Eine Ponystudie lieferte den ersten Hinweis: Nach stärkereicher Ration waren die Tiere messbar reaktiver [4]. Eine neuere Studie an Warmblut-Hengsten bestätigte den physiologischen Unterbau: Nach stärkereicher Fütterung fielen Blutzucker- und Insulinwerte deutlich stärker ab, ein Muster, das mit erhöhter Schreckhaftigkeit einhergeht [5]. Es ist also kein simpler „Zuckerschock“, sondern eine mikrobiologische Verbindung zwischen Futter und Temperament. Wie deutlich sich das im Alltag zeigt, testete Tierernährungswissenschaftlerin Jan Bowman an einem Dutzend Quarter Horses zu Trainingsbeginn. Alle bekamen Heu nach Belieben, die Hälfte zusätzlich täglich 2,3 kg Süßfutter. Die Süßfutter-Gruppe war lebhafter, weniger gehorsam, bockiger, schreckhafter und ängstlicher bei Trennung von der Herde [6].
Fazit: Kein Widerspruch, sondern zwei verschiedene Fragen. Beim Kind war es ein Wahrnehmungsfehler der Eltern. Beim Pferd ist der Mechanismus real, nur eben nicht der, den der Mythos behauptet. Nicht „Zucker macht direkt hyperaktiv“, sondern: Überschüssige Kohlenhydrate stören die Darmflora, und das wirkt sich über die Darm-Hirn-Achse auf das Verhalten aus. Der Mythos hat recht, nur aus dem falschen Grund.
Mythos 2: „Karotten sind immer gesund“
Die unangefochtene Nummer eins unter den Pferdeleckerlies ist die Karotte. Sie gilt als gesund, natürlich und vermeintlich unbedenklich, ganz gleich wie viele davon im Futtertrog landen. Doch stimmt das wirklich oder sollte man bei der orangenen Köstlichkeit genauer hinschauen?
Für die meisten gesunden Pferde wird der Klassiker seinem guten Ruf durchaus gerecht. Die Karotte besteht zu 80 % aus Wasser und enthält mit weniger als 5 % Zucker vergleichsweise wenig leicht verfügbare Kohlenhydrate. In Maßen gefüttert ist sie daher ein sinnvoller und beliebter Snack.
Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Denn für Pferde mit Stoffwechselerkrankungen wie dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS), einer Insulinresistenz oder einer Neigung zu Hufrehe, kann bereits eine geringe Zuckeraufnahme eine messbare Insulinreaktion auslösen. Eine dauerhafte Ausschüttung von Insulin ist so auch ein anerkanntes Risiko für die betroffenen Pferde und auch für die Entstehung und die Verschlechterung einer Hufrehe [7] [8]. Wenn euer Pferd an einer dieser Erkrankungen leidet oder ihr euch unsicher seid, sprecht am besten mit eurer Tierärztin oder eurem Tierarzt, bevor Karotten regelmäßig auf dem Speiseplan stehen.
Fazit: „Immer gesund“ stimmt so pauschal nicht. Für stoffwechselgesunde Pferde ist die gelegentliche Karotte unproblematisch, für Pferde mit metabolischen Vorerkrankungen kann sie zu einem echten Risiko werden.
Mythos 3: „Kaltes Wasser nach dem Reiten macht krank“
Wer sein Pferd nach einem langen Ausritt eine Abkühlung verschaffen möchte, schadet seinem Pferd? Wissenschaftliche Untersuchungen stützen diese Annahmen nicht. Tatsächlich wurde dieser Mythos bereits vor Jahrzehnten widerlegt. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta untersuchte ein Forscherteam, wie sich Pferde bei extremer Hitze am effektivsten abkühlen lassen. Das Ergebnis war eindeutig. Das großflächige Kühlen des gesamten Körpers mit kaltem Wasser verursachte weder Muskelkrämpfe noch andere gesundheitliche Nachteile und erwies sich als die wirksamste Methode zur Senkung der Körpertemperatur [9]. Auch neuere Studien bestätigen diese Erkenntnisse. Nach intensiver Belastung auf dem Laufband führte kontinuierliches Kühlen mit kaltem Wasser ohne anschließendes Abstreifen des Wassers zu einer deutlich stärkeren Senkung der Körperkern und Rektaltemperatur als keine Kühlung. Die Methode war sogar effektiver als das Abstreifen des Wassers nach dem Abspritzen [10]. Eine weitere Untersuchung an Reitpferden unter den heiß feuchten Bedingungen des Amazonasgebiets zeigte zudem, dass sowohl sehr kaltes als auch raumtemperiertes Wasser die Rektaltemperatur sowie Herzfrequenz, Atemfrequenz und Körperoberflächentemperatur gleichermaßen wirksam senkten. Hinweise auf schädliche Auswirkungen durch kaltes Wasser fanden sich in keiner der Studien [11].
Auch die weit verbreitete Empfehlung, einem überhitzten Pferd nach der Arbeit zunächst kein Wasser anzubieten, gilt heute als überholt. Gesunde Pferde regulieren ihre Wasseraufnahme selbst und trinken in der Regel nicht mehr, als ihr Magen aufnehmen kann. Ein Trinkverbot ist deshalb nicht notwendig und kann die Rehydrierung nach der Belastung sogar unnötig verzögern [12].
Fazit: Kaltes Wasser nach dem Reiten macht ein gesundes Pferd nicht krank. Im Gegenteil, es ist die wirksamste und sicherste Methode, um die Körpertemperatur nach Anstrengung schnell zu senken. Auch ein Trinkverbot direkt danach ist nicht nötig.
Mythos 4: „Stuten sind während der Rosse schwieriger zu reiten“
In vielen Reithallen hört man immer wieder denselben Satz: „Ach, die ist einfach rossig.“ Wiedersetzt sich die Stute plötzlich, zeigt eine schlechtere Anlehnung oder wirkt sie unter dem Sattel ungewohnt angespannt, wird die Ursache häufig schnell im Zyklus gesucht. Bereits eine Tierarztumfrage aus den 1990er Jahren zeigte, dass eine deutliche Mehrheit der Befragten davon ausging, dass die Rosse die Leistungsfähigkeit von Turnierstuten beeinflusst [13]. Dieses Ergebnis trug über viele Jahre dazu bei, den Mythos von der „schwierigen rossigen Stute“ zu festigen.
Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeichnen jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Eine Auswertung von mehr als 27.000 Pferdeuntersuchungen an der Universität Helsinki ergab, dass bei den meisten Stuten, deren auffälliges Verhalten von ihren Besitzern der Rosse zugeschrieben wurde, tatsächlich orthopädische oder internistische Erkrankungen vorlagen. Besonders aggressives Verhalten stand wesentlich häufiger mit Schmerzen in Zusammenhang als mit hormonellen Schwankungen [14].
Auch eine weitere Studie zu geschlechtsspezifischen Verhaltensunterschieden fand keine Hinweise darauf, dass sich Stuten unter dem Sattel grundsätzlich anders verhalten als Wallache. Die Forschenden kamen jedoch zu dem Schluss, dass Reiter und Trainer Stuten aufgrund bestehender Geschlechterstereotype häufig unbewusst anders bewerten und dadurch benachteiligen [15].
Fazit: Die Studienlage ist hier tatsächlich nicht einheitlich. Ältere Befragungsdaten und neuere klinische Auswertungen kommen zu unterschiedlichen Schlüssen. Wer bei seiner Stute plötzliche Verhaltensänderungen bemerkt, sollte deshalb aber nicht vorschnell auf „die Rosse“ schließen, sondern zunächst Schmerzursachen tierärztlich ausschließen lassen.
Mythos 5: „Pferde brauchen im Winter unbedingt eine Decke“
„Ohne Decke friert das Pferd im Winter“. Doch stimmt das wirklich? Schließlich hat sich das Pferd über Millionen von Jahren an wechselnde Witterungsbedingungen angepasst. Sein Winterfell ist darauf ausgelegt, auch niedrigen Temperaturen standzuhalten.
Mithilfe der sogenannten Piloerektion können Pferde ihre Deckhaare aufstellen und dadurch eine isolierende Luftschicht im Fell einschließen. Dieser natürliche Mechanismus verbessert die Wärmedämmung erheblich. Kanadische Untersuchungen zeigen, dass gesunde Pferde mit intaktem Winterfell Temperaturen bis knapp unter minus 15 Grad Celsius ohne Abfall der Körpertemperatur tolerieren können, sofern sie vor Wind geschützt sind [16].
Interessanterweise gibt es sogar Hinweise darauf, dass dauerhaftes Eindecken die natürliche Funktion des Winterfells beeinträchtigen kann. Eine Studie zur Fellstruktur zeigte, dass das Nackenfell eingedeckter Pferde bereits nach kurzer Zeit deutlich kürzer war als das von nicht eingedeckten Tieren. Dies deutet darauf hin, dass Decken die natürliche Entwicklung und Aufstellfähigkeit des Winterfells beeinflussen können [17]. Auch eine schwedische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass geschorene und eingedeckte Pferde während des Trainings in kühler Umgebung anders auf körperliche Belastung reagieren als Pferde mit intaktem Winterfell [18]. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass das Eindecken in die natürliche Temperaturregulation eingreift.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Pferdedecken grundsätzlich überflüssig sind. Geschorene Pferde, ältere oder kranke Tiere, stark untergewichtige Pferde sowie Pferde ohne ausreichenden Witterungsschutz können von einer Decke deutlich profitieren.
Fazit für den Alltag: Ein gesundes Pferd mit vollständig ausgebildetem Winterfell benötigt unter normalen Bedingungen meist keine Decke. Ob eine Decke sinnvoll ist, hängt weniger von der Außentemperatur ab als vom Gesundheitszustand des Pferdes, seinem Fell, seiner Haltung und den vorhandenen Schutzmöglichkeiten vor Wind und Nässe.
Fazit
Wie schon beim Einhorn zeigt sich auch bei den ganz alltäglichen Pferde-Mythen: Die hartnäckigsten Geschichten sind selten zu hundert Prozent falsch. Meist steckt ein wahrer Kern darin, der über Jahre verzerrt, vereinfacht oder verallgemeinert wurde. Genau deshalb lohnt sich der Blick in die Studienlage, bevor man eine Faustregel weitergibt, ohne sie zu hinterfragen. Manchmal bestätigt die Wissenschaft, was Generationen von Pferdehaltern schon ahnten. Manchmal widerlegt sie es deutlich, und manchmal ist sich selbst die Forschung noch nicht einig.
🤖 Hinweis: Das Titelbild dieses Artikels wurde mithilfe von KI erstellt (KI-generiertes Bild).