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Das Wichtigste in Kürze
- Flehmen ist kein Lachen, sondern der gezielte Einsatz eines hochsensiblen Geruchsorgans.
- Schlafen im Stehen dient der Sicherheit. Für den REM-Schlaf muss das Tier jedoch liegen.
- Wälzen nach dem Baden ist kein Trotz, sondern dient der Thermoregulation und Körperpflege.
- „Ins Leere“ kauen ist kein Zeichen von Dummheit, sondern Ausdruck von Entspannung nach Anspannung.
- Gähnen bedeutet bei Pferden selten, dass sie müde sind. Es kann ein Hinweis sein, auf den man achten sollte.
Eigenheit 1: Das „Pferdelachen“ – Wenn Pferde die Lippe hochrollen
Auf den ersten Blick wirkt es merkwürdig: Der Kopf ist erhoben, die Nüstern geschlossen, die Oberlippe nach oben gerollt, die Zähne treten hervor. Ein Ausdruck, der sowohl seltsam als auch beeindruckend ist.
In Wirklichkeit ist der sogenannte Flehmen-Reflex eines der faszinierendsten Sinneswerkzeuge des Pferdes. Wenn ein Pferd flehmt, leitet es bestimmte Geruchsmoleküle – vor allem Pheromone und andere nicht-flüchtige Verbindungen – gezielt in das Jakobsonsche Organ, auch Vomeronasales Organ genannt. Dieses Spezialorgan liegt an der Gaumenoberfläche und ist direkt mit den Geruchszentren im Gehirn verbunden. Durch das Hochrollen der Lippe und das Schließen der Nüstern wird der Geruchsstrom konzentriert und gezielt dorthin geleitet [1].
Was löst Flehmen aus? Hengste flehmen vor allem beim Beschnuppern von Stutenurin. Sie prüfen so den Reproduktionsstatus der Stute. Stuten zeigen es kurz nach der Geburt, wenn sie ihr Fohlen eingehend beschnuppern. Und ganz normale Pferde flehmen auch beim Kontakt mit unbekannten oder intensiven Gerüchen: ein neues Desinfektionsmittel, ein fremdes Pferd, manchmal auch der Stallboden nach einer frischen Einstreuschicht.
Wann wird es ernst? Häufiges, scheinbar grundloses Flehmen ohne klaren Geruchsauslöser kann gelegentlich auf Magenunbehagen oder Kolikanzeichen hinweisen. Wer das Verhalten gut kennt und plötzlich eine Häufung bemerkt, sollte aufmerksam bleiben [1].
Eigenheit 2: Schlafen im Stehen, mit geknickten Hinterbeinen
Das Pferd steht in der Box, der Kopf hängt, ein Hinterbein ist locker geknickt, die Augen sind halb zu. Schläft es? Ja, aber nur halb.
Das Pferd hat eine geniale anatomische Lösung entwickelt, um als Fluchttier im Stehen ausruhen zu können: die sogenannte Stay-Apparatur. Ein System aus Sehnen, Bändern und Muskeln ermöglicht es, die Beingelenke quasi zu fixieren, sodass das Pferd nicht umfällt, ohne aktiv Muskelkraft einzusetzen [2]. So kann es einen leichten, traumlosen Schlaf (Non-REM-Schlaf) im Stehen erreichen, jederzeit bereit, innerhalb von Sekunden davonzuspringen.
Der Haken: REM-Schlaf – der tiefe und regenerierende Schlaf – funktioniert im Stehen nicht. In dieser Schlafphase erschlaffen alle Muskeln vollständig, was im Stehen unweigerlich zum Umfallen führen würde. Pferde brauchen daher täglich mindestens 25 bis 30 Minuten REM-Schlaf im Liegen [2]. Bekommen sie den nicht, entwickeln sie eine Schlafdeprivation. Die Folge: Sie kippen beim Wegedämmern im Stehen weg, fangen sich gerade noch und sehen dabei aus, als hätten sie einen Schwächeanfall. Das wird manchmal als Narkolepsie fehlgedeutet [2].
Wann wird es ernst? Ein Pferd, das regelmäßig im Stehen umzukippen droht oder das man nie liegen sieht, schläft möglicherweise nicht genug. Die Ursachen können Stress, Schmerz oder Platzmangel sein.
Eigenheit 3: Nach dem Baden sofort im Schlamm wälzen
Man hat das Pferd eine Stunde geputzt, gebürstet, gewaschen. Das Pferd ist trocken und glänzt ordentlich. Du lässt es auf die Weide. Drei Minuten später ist dein Pferd eine komplette Schlammpackung.
Dein Pferd macht das nicht aus Trotz. Hierbei handelt es sich um reine Biologie.
Wälzen ist für Pferde ein bedeutendes Komfort- und Pflegeverhalten, das mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllt. Eine brasilianische Forschungsgruppe konnte in einer Studie zeigen, dass Pferde sich nach Belastung gezielt auf kühlenden Unterlagen wie Gras oder Sand wälzen und dass ihre Körpertemperatur danach messbar sank [3]. Wälzen ist demnach eine aktive Thermoregulation. Gleichzeitig bildet die Schmutz- und Staubschicht auf dem Fell einen natürlichen Sonnenschutz und Insektenschutz – evolutionär absolut sinnvoll für ein Tier, das ursprünglich ohne Stall und Putzkasten durchkommen musste [3].
Das frisch gewaschene Pferd riecht zudem nach Shampoo, also nach einer fremden Substanz, die nicht nach Pferd riecht. Das Wälzen stellt den eigenen Geruch wieder her – auch das ist ein Grundbedürfnis eines sozial lebenden Tieres.
Wann wird es ernst? Wälzen nach dem Bad ist völlig normal. Wälzen mit Zeichen von Schmerz (Scharren, Zurückschauen auf den Bauch, Schwitzen ohne Belastung) erfordert sofortigen tierärztlichen Rat – dabei kann es sich um Kolik handeln.
Eigenheit 4: Kauen auf nichts – Das mysteriöse Mahlbewegen
Das Pferd kaut. Ohne Futter, die Kiefer mahlen. Manchmal leckt es dabei die Lippen. Viele Reiter lesen das als Zeichen von Unterwerfung oder Lernerfolg. Denn Kauen und Lippenlecken treten häufig auf, wenn das Pferd entspannt oder Stress abbaut.
Die Wissenschaft sieht das inzwischen anders. Eine Forschungsgruppe der Norwegischen Universität für Lebenswissenschaften beobachtete in einem 80-stündigen Freilandversuch mit Wildpferden in Ecuador 202 Verhaltenssequenzen, in denen dieses Leck-Kau-Verhalten auftrat [4]. Das Ergebnis überraschte: Die Kaubewegung war bei rangniederen Tieren nach einer Drohung nicht ausgeprägter als bei dem ranghohen Pferd, das sie angriff. Interessanterweise zeigte sich das veränderte Kauverhalten besonders beim Angreifer und vor allem beim Übergang von Anspannung zu Entspannung.
Die wahrscheinlichste Erklärung: In Stressphasen wird die Speichelproduktion durch das sympathische Nervensystem gedrosselt und das Maul wird trocken. Wenn sich das Pferd entspannt, setzt die parasympathische Aktivität ein, und die Speichelproduktion springt wieder an. Das Kauen und Lecken ist also eher der Übergang aus einer Stressreaktion heraus als ein Zeichen von Hierarchieakzeptanz [4].
Was das bedeutet: Wenn dein Pferd nach einer Trainingsaufgabe zu kauen beginnt, entspannt es sich gerade. Das ist gut. Es ist aber nicht zwingend ein Zeichen, dass es dich als Alphatier anerkennt.
Eigenheit 5: Das große Gähnen und was es wirklich aussagt
Pferde gähnen, und es sieht dabei so dramatisch aus, dass man unwillkürlich lachen muss. Kiefer weit auf, Augen zusammengekniffen, Zähne gezeigt. Ein wahres Spektakel.
Aber Pferde gähnen nicht aus demselben Grund wie Menschen. Das Pferdegähnen hat mehrere mögliche Bedeutungen [5]:
- Es kann schlicht beim Aufwachen auftreten oder wenn das Pferd von einem ruhigen Zustand in Aktivität wechselt.
- Bei Hengsten ist Gähnen häufig mit erregten oder sozialen Spannungssituationen verbunden.
- Es tritt, ähnlich wie das Leck-Kau-Verhalten, im Übergang von Anspannung zu Entspannung auf – zum Beispiel nach dem Absatteln oder einer intensiven Trainingseinheit.
Was Pferdebesitzer wissen sollten: Übermäßiges, häufiges Gähnen ohne erkennbaren Kontext kann ein Zeichen für Magenprobleme, Zahnschmerzen oder chronischen Schmerz sein. Pferde mit Magengeschwüren zeigen dieses Verhalten oft gehäuft, besonders rund um die Fütterung [5].
Faustregel: Gelegentliches Gähnen ist ganz normal. Häufiges, auffälliges Gähnen, das neu auftritt oder sich häuft, ist ein Fall für den Zahnarzt oder Tierarzt.
Eigenheit 6: Mit offenen Augen schlafen
Es sieht fast unheimlich aus: Das Pferd steht da, schaut ins Nichts und reagiert kaum. Ist es krank? In Trance? Nein, es schläft.
Pferde können in den leichteren Schlafphasen nicht nur im Stehen, sondern tatsächlich auch mit halb oder ganz geöffneten Augen schlafen. Das ist ein weiterer Überlebensmechanismus: Im Stehen schlafen, die Augen offen lassen, aber trotzdem ausruhen. Erst im tiefen REM-Schlaf – der ja nur im Liegen möglich ist – schließen Pferde die Augen vollständig, weil dabei die Muskulatur vollständig entspannt [2].
Wann wird es ernst? Ein Pferd, das mit starrem, leerem Blick und verlängerter Reaktionszeit dasteht und dabei schwankt, könnte REM-Schlaf-depriviert sein. Das sollte untersucht werden.
Eigenheit 7: Gegenseitiges Knabbern am Widerrist – Die Sozialpflege unter Freunden
Zwei Pferde stehen Kopf an Kopf und knabbern sich gegenseitig am Widerrist, am Hals, an der Mähne. Es sieht aus wie ein gemütliches Ritual. Und das ist es auch.
Allogrooming, also das gegenseitige soziale Pflegen, ist bei Pferden fest verankert. Studien zeigen, dass es die Herzfrequenz senkt und die Ausschüttung von Oxytocin, dem sogenannten „Kuschelhormon“, fördert. Dadurch wird das Pferd messbar entspannt [6]. Das gegenseitige Knabbern dient nicht nur dem Entfernen von Parasiten oder Juckreiz an schwer erreichbaren Stellen, sondern stärkt auch die sozialen Bindungen.
Was manche überrascht: Einige Pferde versuchen dasselbe beim Menschen. Sie knabbern am Ärmel, an der Jacke oder an der Schulter. Das ist nicht bösartig, sondern ein Ausdruck sozialer Zuneigung. Allerdings sollte man es nicht unkontrolliert zulassen, da Knabbern am Menschen schnell ins Beißen übergehen kann.
Praxis-Tipp: Wenn dein Pferd versucht, dich anzuknabbern, lenk es sanft um. Nicht mit Schlagen oder Schreien, sondern mit Abwenden oder einer anderen Aufgabe. Das Pferd meint es gut.
Fazit: Pferde sind keine kleinen Menschen, und das ist gut so
Viele Missverständnisse zwischen Mensch und Pferd entstehen, weil wir ihr Verhalten durch eine menschliche Brille interpretieren. Was für uns eindeutig ist, hat beim Pferd oft eine ganz andere Bedeutung. Ein Gähnen steht beim Menschen für Müdigkeit, beim Pferd ist es deutlich vielschichtiger. Kauen verbinden wir mit Nahrungsaufnahme, beim Pferd zeigt es häufig Entspannung nach Druck. Und das Hochrollen der Lippen wirkt auf uns wie eine lustige Grimasse, ist beim Pferd jedoch hochspezialisierte Geruchswahrnehmung.
Wer die Sprache des Pferdes lernt, schafft eine ehrlichere Grundlage für die gemeinsame Arbeit. Und manchmal lacht man trotzdem. Aber aus dem richtigen Grund.
🤖 Hinweis: Das Titelbild dieses Artikels wurde mithilfe von KI erstellt (KI-generiertes Bild).